Nicht Hollywood, niemals!
Regisseur Ken Loach im Filmmuseum
Märkische Allgemeine Zeitung, Robert Rudolf, 3./4.9.2005
(...) Der Altlinke zählt zu den großen Vorbildern in Europa für jeden Filmemacher, der mit „sozialer Genauigkeit” (Dresen) ganz dicht ran will an die kleinen und oft bedrängenden Verhältnisse. Ein Held also für Geschichtenerzähler Dresen. Auf dessen Anregung hin hat das Filmmuseum die bis zum 25. September laufende Retrospektive organisiert. Dafür darf Dresen den Briten nun über dessen Leben im Allgemeinen und ein paar Tricks im Speziellen ausfragen.
(...) Beinahe Jahr für Jahr dreht Loach einen Film und sammelt Preise ein. Zum Markenzeichen seiner Filme ist der dokumentarische Stil geworden: Für einen intensiven Moment, sagt Loach, lässt er die Ausgewogenheit im Bild schon mal sausen. Außerdem dreht er chronologisch: Die Schauspieler und Laien erfahren erst kurz zuvor, was sie spielen sollen. „Man sieht es in den Augen, ob jemand reproduziert, oder ob er seinem Instinkt folgt.” Als er das sagt, knackt es leise in
den Lautsprechern.
Tatis Schützenfest
Geburtstagsfeier des Golzow-Chronisten Winfried Junge im Filmmuseum
Märkische Allgemeine Zeitung, Lothar Krone, 22.7.2005
Am Mittwochabend im Filmmuseum war es wieder mal soweit. In Würdigung seiner Verdienste um den deutschen Film und anlässlich seines 70. Geburtstages bekam der Regisseur Winfried Junge von den Mitarbeitern des Hauses eine „Carte Blanche” geschenkt. Diese symbolische Karte zur freien Auswahl von zwei Filmen hat der stets sehr verschlossen agierende Dokumentarist genutzt, um sich einen mehr als 30 Jahre alten Film aus eigener Produktion und einen zweiten vom großen Vorbild Jacques Tati anzufordern.
Der anwesende Jubilar zeigte sich mit dieser Entscheidung einverstanden und sichtlich zufrieden, dass er nicht wie üblich mit seinem Erfolgsprojekt „Die Kinder von Golzow” konfrontiert wurde. Obgleich Junge seit neuestem sogar Ehrenbürger von Golzow ist, verriet er, dass der 19. Film dieser Langzeitdokumentation der endgültig letzte Streifen werden soll.
Ach ja, herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag.
„Film ist so was Ähnliches wie Kunst”
Erinnerungen an den vor einem Monat verstorbenen Defa-Regisseur Lothar Warneke im Filmmuseum
Märkische Allgemeine Zeitung, Lothar Krone, 7.7.2005
Zur Erinnerungsveranstaltung für den Regisseur Lothar Warneke füllte sich am Dienstagabend der Kinosaal im Marstall. Auch Erika Richter, die dem Verstorbenen in seinem letzten Lebensabschnitt erst nahe gekommen war, bereitete das Reden Mühe, als sie sehr persönliche Abschiedsworte sprach. In ihrer Rückschau zeichnete sie das Bild eines großen Zweiflers und Pessimisten. Lothar Warneke sei ein sehr, sehr angenehmer, kommunikativer Mensch gewesen, der, obwohl er gerne lachte, kompliziert dachte und ein „Problemmenschentum” pflegte. Solch angestrengtes Tageswerk, bei dem er sich „alles schwer erarbeiten” musste, begleiteten häufig Schwermut und Melancholie. Insofern scheint es folgerichtig, dass er erst Theologie studierte und später, als er glaubte, nicht genug zu glauben, zur anderen großen Religion, dem Marxismus, wechselte.
Als Filmemacher blieb er dann vor allem Moralist. Vorbilder waren ihm die Neorealisten, und er hat in seinen Spielfilmen – als einer der ersten in der Defa – fast dokumentarfilmhafte Sequenzen eingearbeitet. So mühte er sich am Ideal einer an der Realität orientierten Filmkunst und blieb bis zum Schluss auch im Zweifel, ob das Kino denn überhaupt Kunst sei. „Film ist so was Ähnliches wie Kunst”, pflegte er zu sagen und hat wie ein Besessener mit der Schmalfilmkamera gedreht. Selbst bei der eigenen Regiearbeit surrte die kleine Handkamera des Filmemachers, als könne sie ihm das Leben bannen und in Ewigkeit verwandeln.
Mit der Auflösung der DDR begannen die „großen existenziellen Lebensprobleme” Lothar Warnekes. Die Ahnung, nie wieder Spielfilme drehen zu können, verdichtete sich schnell zur Gewissheit und lastete zusätzlich auf seiner empfindsamen Seele.
Dem Fall der Mauer folgte der Einfall der Alteigentümer und er verlor das Haus. Es kam noch ärger. Ihm wurde ein Bein amputiert. Als seine Frau ihn dann aus der Klinik nach Hause holen wollte, verunglückte sie tödlich. Am 5. Juni nun ist Lothar Warneke nach schwerer Krankheit gestorben und hat mit seinem letzten Lebenskapitel selbst die pessimistischsten Befürchtungen noch übertroffen.
Bleiben werden Filme wie der 1992 entstandene Dokumentarfilm „Ich bin das achte Weltwunder Marcello Cammi”, den sich die Familie zusammen mit Freunden und Fans zum Abschied anschaute. Warnekes Hymnus auf den Bildhauer und Maler Marcello Cammi, der sein Werk ohne öffentliche Resonanz vollendete, verrät seine Träume. Wir sollten uns in Zukunft besser um die Kunst und die Künstler kümmern. Sein Cammi-Film soll als DVD erscheinen. Versprochen.
Auf der Suche nach der Wahrheit
Zum Tod des Babelsberger Filmregisseurs Lothar Warneke
Märkische Allgemeine Zeitung, Angelika Mihan, 7.6.2005
Er war ein guter Mensch. So schlicht der Satz auch klingt, er ist absolut wahr. Und der Mann war auf eine Weise grüblerisch begabt, dass mancher sich schämte, wenn er in sein liebes Gesicht die Unwahrheit hineinblies. Lothar Warneke gehörte bestimmt nicht zu den Draufgängern im Defa-Filmgeschäft. Aber zu den wahrhaftigsten Menschen. Der Regisseur ist tot. Im Alter von 68 Jahren verstarb er am Sonntag in einem Potsdamer Krankenhaus. Vielleicht ist es ja ein Trost. Als seine geliebte Frau ihn vor einigen Jahren aus dem Krankenhaus abholen wollte – Warneke wurde ein Bein amputiert – verunglückte sie auf der Autobahn tödlich. Das Schicksal, nach dem der Regisseur in seinen Filmen immer wieder fragte, wurde auf grausame Weise in der Realität benannt: Wir sind nicht zuständig, wir müssen ertragen lernen. Letztendlich konnte er es nicht verkraften, dass sich all seine Hoffnungen – privat und gesellschaftlich – nicht erfüllen würden.
Warneke, der 1936 in Leipzig geboren wurde und dort Theologie studierte, wechselte 1960 ins Filmfach. An der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg absolvierte er ein Regiestudium. Erste Erfahrungen sammelte er bei der Defa.
Als einer seiner größten Erfolge gilt der Film „Einer trage des anderen Last” von 1988. Die Geschichte spielt in einem Lungensanatorium kurz nach der Gründung der DDR. Anhand des Zusammentreffens eines Volkspolizisten und eines evangelischen Vikars wird das schwierige Verhältnis zwischen Kirche und Staat beleuchtet.
Die Hauptdarsteller Jörg Pose und Manfred Möck erhielten auf der Berlinale im gleichen Jahr einen „Silbernen Bären”. Letztlich sprach auch dieser Film vom Suchen nach der irdischen und der religiösen Wahrheit, die wohl niemand finden kann, selbst wenn er sterbenskrank ist.
1981 drehte er nach einem Buch von Helga Schubert den vieldiskutierten Film „Die Beunruhigung”, der die Geschichte einer Frau erzählt, die auf das Ergebnis einer Brustuntersuchung wartet. In dieser Zeit zieht sie eine Bilanz ihres Lebens, in der sie zum Beispiel in der Badewanne sitzt und rudert: Gut so, so komme ich vorwärts. Was für ein berührendes Bild. Dieser Schwarzweiß-Film gehörte damals zu den preiswertesten Defa-Produktionen.
Weitere Filme waren unter anderem „Mit mir nicht, Madam!” (1968) als Versuch einer sozialistischen Kriminalgroteske, „Dr. med. Sommer II” (1969) und „Eine sonderbare Liebe” (1983). In „Blonder Tango” (1985) berichtete Warneke von einem chilenischen Exilanten, der mit all dem, was hierzulande üblich ist, überhaupt nicht zurecht kommt, sich einsam und isoliert fühlt.
Immer dem Alltäglichen verbunden, oft auch mit einem kräftigen dokumentarischen Einschlag, wendete sich Warneke ein einziges mal auch einem historischen Stoff zu. Nach einem Szenarium von Helga Schütz entstand im Jahre 1979 „Addio, piccola mia”, ein Film, der nicht nur vom Leben des Dichters Georg Büchner handelte, sondern acuh von deutscher revolutionärer Vergeblichkeit.
Nach der Wende drehte Warneke noch vereinzelt unter anderem einen Werbefilm für das Defa-Studio mit Volker Schlöndorff. Warbeke, der zu DDR-Zeiten auch Vizepräsident des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden war, lehrte noch bis vor kurzer Zeit an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf” in Potsdam Babelsberg.
Lothar Warneke, du hattest immer ein mitfühlendes Herz.
Etwas, das viele Menschen auch als menschlich umschreiben würden. Du hättest jede Last eines anderen Menschen getragen. Wir werden dich alle vermissen. Du warst ein guter Mensch.

Bildunterschrift: Prof. Lord Dahrendorf zu Gast im Filmmuseum Potsdam; Foto: J.K. Leopold



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