Pressestimmen zum neuen Buch „Film in der DDR – Daten, Fakten, Strukturen”
Daten, Fakten, Strukturen
Filmmuseum gibt ein umfassendes Kompendium zum DDR-Film heraus
Märkische Allgemeine Zeitung, 15.04.2010, Ricarda Nowak
In den 579 Buchseiten über „Film in der DDR. Daten, Fakten, Strukturen“ steckt fast ein Jahrzehnt Arbeit. Arbeit, die sich – gemessen am Lob, das Autor Günter Jordan am Dienstagabend entgegennehmen durfte – gelohnt hat. Der Filmwissenschaftler und Dokumentarregisseur habe ein „grundlegendes Werk“ geschaffen, sagte Helmut Morsbach, Vorstand der Defa-Stiftung, zur Buchpräsentation im Filmmuseum. Jordans Kompendium ergänzt die Veröffentlichungen zur Defa- und DDR-Filmgeschichte um ein bislang fehlendes Nachschlagewerk, das von der Defa-Stiftung gefördert und vom Filmmuseum herausgegeben wurde. Dem Filmhistoriker und Defa-Experten Ralf Schenk zufolge hat Jordan einen „gewissen Schlusspunkt“ unter die Geschichte des volkseigenen Filmstudios gesetzt.
Während Wissenschaftler bisher ausgiebig die Spiel-, Dokumentar- und Trickfilmlandschaft der DDR betrachteten, rückt Jordan die Strukturen des Lichtspielwesens in den Mittelpunkt. Das Buch soll verstehen helfen, unter welchen Bedingungen Film entstand, wie sich politische und wirtschaftliche Veränderungen auswirkten.
Bevor Jordan zu den filmrelevanten Kapiteln Produktion, Distribution und Präsentation gelangt, widmet er sich jenen zahlreichen Institutionen – darunter den sowjetischen Besatzungsbehörden, dem Staatlichen Komitee für Filmwesen und dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) – die Filmschaffen unter ihrer politischen und staatlichen Aufsicht ermöglichten, erschwerten, verhinderten. So ist nachzulesen, dass sich das MfS auf die „Zerschlagung revisionistischer Gruppierungen” in der Defa-Dramaturgie konzentrierte, bei der Entwicklung von Stoffen und bei Regiebesetzungen mitmischte, Westkontakte kontrollierte. In weiteren Kapiteln behandelt Jordan Themen der Bildung, Wissenschaft, Technik, befasst sich mit Filmmagazinen und -klubs, mit Filmarchiven und -festivals.
Ursprünglich sollte Jordans Projekt nur auf den Internetseiten der Defa-Stiftung erscheinen. Angesichts der Materialfülle entschied sich die Stiftung zusätzlich für eine Papierausgabe. Das Buch wirft „Ratlosen einen Ariadnefaden zu, damit der historische Kontext verständlicher wird“, so Filmmuseumschefin Bärbel Dalichow. Laut Filmhistoriker Claus Löser ist die Kontextualisierung bitter nötig: „In Bezug auf die Defa besteht in Deutschland mehr Erklärungsbedarf als in Mexiko“, sagt er nach Diskussionen in den alten Bundesländern. Rainer Rother, künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek Berlin, wünschte sich ein entsprechendes Kompendium zum westdeutschen Film.
Zu welchem Ende schreibt man Filmgeschichte?
Günter Jordan brachte das Nachschlagewerk „Film in der DDR. Daten. Fakten. Strukturen” heraus
PNN, 15.04.2010 Von Gabriele Zellmann
Wer von Filmgeschichte spricht, meint zumeist die Geschichte von Filmen und Filmemachern, von Regisseuren, Autoren und Schauspielern, nicht aber die Geschichte von Institutionen und Strukturen, die mit Film zu tun haben und Film erst ermöglichen. Um diese aber geht es in Günter Jordans Nachschlagewerk „Film in der DDR. Daten. Fakten. Strukturen“, das vom Filmmuseum Potsdam herausgegeben und dort am Dienstagabend präsentiert wurde.
Das Werk ist krönendes Ergebnis einer zehnjährigen Arbeit des Filmhistorikers und ehemaligen DEFA-Dokumentarfilmregisseurs. Günter Jordan führt darin akribisch recherchierte Daten und Fakten zusammen, benennt, vernetzt, setzt in Beziehung, fasst zusammen. Er bezieht dabei nicht nur alle Institutionen und Bereiche ein, die mit Film zu tun hatten – von den Studios über den Verleih und bis zu Betrieben, in denen man verschlissene Kopien wieder abwusch. Darüber hinaus zeigt die Arbeit den gesellschaftlichen Kontext der untergegangenen DDR. Über die SMAD, die Sowjetischen Militäradministration beispielsweise, ist darin ebenso zu erfahren wie über den Verband der Film- und Fernsehschaffenden oder die Fragen, wer in der DDR wann und wo Filmwissenschaft betrieb oder wie und woraus das Ministerium für Staatssicherheit erwuchs. So spiegelt dieses Kompendium auch ein Stück DDR-Geschichte.
Was für ein Schatz an Basiswissen auf den knapp 600 Seiten gebündelt ist, wird mit immer größerer Schärfe hervortreten, je mehr das Wissen über die untergegangene DDR im Erinnerungsnebel verschwimmt. Doch nicht erst, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, wird zu diesem Standardwerk greifen, wer sich für Film in der DDR interessiert, dazu forscht oder einfach etwas über DDR-Geschichte wissen möchte.
Mit der Buchpräsentation zu einem Gespräch anzuregen, war der Wunsch des Autors. So drehte sich die von Filmwissenschaftler Ralf Schenk moderierte Podiumsdiskussion um die frei nach Schiller assoziierte Frage „Wozu und zu welchem Ende schreibt man Filmgeschichte?“
Es war 2000, als Günter Jordan die umfangreiche Recherche begann. Notwendig wurde sie schon durch die vielen Fehler in Publikationen über DEFA-Filme, die auf fehlender Kenntnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen und Strukturen beruhten, in denen in der DDR Filme entstanden und in denen mit Film gearbeitet wurde. Filmhistorikerkollegen bestärkten ihn in Gesprächen darin immer wieder. Besonders Wolfgang Klaue, damals Vorstand der noch nicht lange existierenden DEFA-Stiftung. Für Helmut Morsbach, der 2003 die Vorstandsarbeit übernahm, ist dieses Projekt heute eines der wichtigsten und gleichzeitig längsten der DEFA-Stiftung. Bereits seit 2008 ist eine Vorläuferversion als digitales Nachschlagewerk, das immer wieder Updates erfahren soll, auf der Webseite der DEFA-Stiftung nutzbar.
Danach befragt, ob er sich ein solches Standardwerk auch für westdeutschen Film wünsche, sagte Rainer Rother, künstlerische Direktor der Deutschen Kinemathek, dass ein solches Buch über die westdeutsche Filmgeschichte ein neues Verständnis für Filmgeschichte wecken könnte. Denn die bisher geschriebene Filmgeschichte geht fast ausschließlich von Seherfahrungen aus. Aufgrund der viel anarchischeren und kleinteiligeren Struktur – manche Firmen hätten nur für einen Film lang bestanden – sei es jedoch kaum zu erstellen. Schon jetzt aber würden sich Fragestellungen ändern, grundsätzlicher werden. Oftmals stehe nicht mehr der einzelne Film oder das Werk eines Regisseurs im Mittelpunkt.
„Jede Epoche muss ihre Filmgeschichte neu schreiben“, so Filmhistoriker und Journalist Claus Löser. „Wir wissen noch gar nicht, was Leute an der DEFA interessieren wird, wenn sich in zwanzig Jahren Erfahrungswerte und Lebenswirklichkeiten verändert haben werden.“
Entscheidend aber, da war man sich einig, sei für die Einordnung und Bewertung von Filmen stets auch die Kenntnis der Rahmenbedingungen, sonst ist es Meinungsmache, keine Filmgeschichte“, so Jordan. Mit seinem Buch wolle er nicht nur den vielen Kollegen, die mit ihm zusammen gearbeitet und ihn unterstützt hätten, etwas zurückgeben. Sondern auch die Aufmerksamkeit für Bereiche wecken, die sonst in der Filmgeschichtsschreibung der DDR selten diskutiert werden – das Lichtspielwesen etwa, oder auch die Finanzierung und Refinanzierung von Filmen in der DDR.
Auf seinen Wunsch hin lief im Anschluss an das Gespräch „Märkische Forschungen“ des DEFA-Regisseurs Roland Gräf aus dem Jahr 1982. Welcher Film hätte den Abend besser beschließen können als dieser, der die Geschichte eines enthusiastischen Forschers erzählt?
Keine einfache Romanze – Deutsch-französische Filmbeziehungen
epd 6/09, S. 56; Michael Kinzer
Im Herbst 2007 zeigte das Filmmuseum Potsdam anhand von Filmen aus acht Jahrzehnten die Vielgestaltigkeit der Filmbeziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Begleitet wurde die Veranstaltungsreihe von Vorträgen und Podiumsdiskussionen, unter anderem mit den deutschen Regisseuren Matthias Luthardt und Christoph Hochhäusler.
Die dokumentierten Gespräche und weitere Beiträge von Filmwissenschaftlern zur Geschichte französisch-deutscher Filmbeziehungen sind nun als digitale Schrift auf der Homepage des Filmmuseums abrufbar. Zu Beginn liefert Jean-Pierre Jeancolas einen Überblick über das nicht immer kooperative Verhältnis der beiden Kinonationen in der Zeit von 1929 bis 1944. Auch nach dem Zeiten Weltkrieg litten die (ost)deutsch-französischen Filmbeziehungen unter den politischen Rahmenbedingungen, wie Renate Epperlein anhand der Partnerschaften zwischen dem DEFA-Studio und französischen Produzenten in den 1950er Jahren demonstriert. Wie unterschiedlich die Rezeption und der Stellenwert, sowohl künstlerisch als auch ökonomisch, von deutschen beziehungsweise französischen Filmen im jeweiligen Nachbarland sind, stellen epd-Film-Autor Gerhard Midding (über den französischen Film in der BRD und nach der Wiedervereinigung) und Yann Kacou (über die Bedeutung deutscher Filme für den französischen Markt) in ihren Artikeln dar. Im fünften Kapitel lassen sich schließlich die Vorträge und Podiumsgespräche zur Filmreihe nachlesen. Die informative Zusammenstellung, die sich als Beitrag zur Aufbereitung eines der „weißen Flecken“ der Filmgeschichte versteht, wird aus Kostengründen nicht in gebundener Form erscheinen.
Pressestimmen zum neuen Buch „Spur der Filme. Zeitzeugen über die DEFA”
Märkische Allgemeine Zeitung, Claudia Palma, Tim Ackermann, 17.5.06
Da „Spur der Filme“ eine Innenansicht der DEFA ist, muss der Leser die Aussagen der Zeitzeugen selbst einordnen. Aus diesem Grund – und obwohl die einzelnen Film-Jahrzehnte erläuternde Einleitungskapitel von den Herausgebern erhalten haben – eignet sich das Buch nicht als Grundlagenwerk. Wer aber mit Vorwissen die 568 Seiten durchschmökert, stößt auf interessante Details.
Deutschlandradio, Jörg Taszman, 17.5.2006
Es sind gerade die kleinen Anekdoten, Details und Geschichten, die wirklich lesenswert sind. Selbst wenn man die einzelnen Filme nicht kennt, kommt nie die berühmte Langeweile auf, die man ja kennt, wenn sich Menschen ausführlich über einen Film unterhalten, den man selbst nie gesehen hat. (...)
Spur der Filme ist mehr als nur ein Buch für Filmliebhaber, sondern vermittelt auch DDR-(Kultur)-Geschichte. Im Mittelpunkt stehen die Macher, die meist rückblickend reflektieren.
FREITAG, Heinz Kersten, 12.5.06
Was hier Regisseure, Kameramänner, Schauspieler, Produktionsleiter und Dramaturgen zu Protokoll gaben, vermittelt eine spannend zu lesende, in der Beurteilung von verantwortlichen Leitern auch manchmal widersprüchliche, Innenansicht der DEFA.
Potsdamer Neueste Nachrichten, Heidi Jäger, 11.5.2006
Das von Ingrid Poss und Peter Warnecke zum 60. DEFA-Jubiläum im Ch. Links Verlag Berlin herausgegebene Buch „Spur der Filme“ lässt Zeitzeugen sprechen. Ging es in dem großen Nachschlagewerk „Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg“ (Henschel-Verlag) um die Sicht von außen, geht es nun um die Innenansichten mehr als 70 Betroffenen. Drei Jahre arbeiten die Herausgeber an diesem rund 560 Seiten dicken Lese Lese-Foto-Buch. 400 Stunden Bandaufnahmen mit Gesprächen, die die DEFA-Stiftung, Zeitzeugen TV und das Filmmuseum Potsdam zur Sicherung der Erinnerungen mit Filmemachern seit 1992 führten, lagen ihnen vor. „Entstanden ist daraus nun ein Buch über den DDR-Alltag. Die DEFA war zwar ein besonderer Betrieb, aber er war auch wie jeder andere. Man musste findig sein, um das machen zu können, was man wollte. Die DDR war ja die reine Schwejkiade“, so der Filmmuseums-Mitarbeiter und Soziologe Peter Warnecke.




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