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Roman Polanski; F: M. Thomas
Roman Polanski; F: M. Thomas 

» Pressespiegel

Kino 2009/2010

Zelluloid-Zeitreise durch Potsdam mit zwei Deutschlandpremieren
Märkische Allgemeine Zeitung, 22.11.2010, Carola Hein

Mit gleich zwei Deutschlandpremieren wartet die dritte Matinee „Potsdam im Film“ auf: Stadtansichten von 1920 fing ein Schmalfilmer aus Den Haag ein. Erstaunlicherweise ignorierte der Niederländer das Holländische Quartier. Ebenfalls erstmals zu sehen ist die Archiventdeckung „Vom Aufbau einer Stadt“ (1933). Mit preußisch-nationalistischen Kommentaren versehen, vermittelt der Film anhand prägender Bauten Einblicke in die Architekturgeschichte der königlichen Residenz.

Fast bis auf den letzten Platz besetzt war der Kinosaal des Filmmuseums am Samstagvormittag, als Filmhistoriker Hans-Gunter Voigt cineastische Schätze vorstellte, die er im Bundesfilmarchiv ausgegraben hat: zehn Kurzfilme aus den Jahren von 1918 bis 1982. Der jüngste ist den Gastgebern gewidmet. Studenten der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen berichten darin von der wundersamen Verwandlung eines Pomeranzenhauses zum Filmmuseum im Marstall. Bald sollen die Filme auf DVD zu haben sein – als Fortsetzung von „Potsdam wiederentdeckt“. Bemerkenswert in der Zusammenschau: der grüne Wandel in den Schlossparks.

Die Stummfilme begleitete Helmut Schulte an der Welte-Kinoorgel. Mit dramatischen Tönen untermalte er die Landung des Marineluftschiffs L 35 im Luftschiffhafen. Wie Ameisen hängen Arbeiter an den Halteseilen, um den Zeppelin zu erden. 1918 sind im Auftrag des von General Ludendorff gegründeten Bild und Filmamtes die wohl frühesten Potsdam-Veduten aus der Vogelperspektive entstanden. Auch die Reichsbahn gönnte sich eine Filmstelle, die am 22. September 1938 die fröhlichen Festlichkeiten zum Jubiläum 100 Jahre Eisenbahnlinie Berlin–Potsdam dokumentierte. Die Damen genießen im Biedermeier-Look die Fahrt in Oldtimer-Waggons unter wehenden Hakenkreuzfahnen.

Von akribischer Aufbauarbeit 1952 kündet „Alter Park in neuer Zeit“. Stein auf Stein entsteht unweit von Schloss Babelsberg die Zentrale Richterschule der DDR, die später als Akademie für Staat und Recht „Walter Ulbricht“ bekannte Kaderschmiede. Als eine der wenigen deutsch-deutschen Nachkriegs-Co-Produktionen zeigt „Sanssouci heute“ (1956) nicht nur das Weinbergschloss in Farbe, sondern auch die Stadtmitte mit den Kriegsruinen. Charles Klein führte für die Wiesbadener Filmfirma Blick in die Welt Regie. „Es gibt mehrere Fassungen“, sagt Filmhistoriker Voigt. „Leider ist die bundesdeutsche nicht überliefert.“ Zu sehen ist die sozialistische vom Progress Verleih.

Flott klingt die Flimmerstunde – das ist wörtlich zu nehmen, denn der Zahn der Zeit hat an manchem Zelluloid arg genagt – aus. Für allerbestes Amüsement sorgen Amateurfilmer mit zuweilen schrägen Szenen. Ihr passionierter „Potsdamer Rundblick“ von 1962 lässt uns etwa die Jungfernfahrt der „Sanssouci“ miterleben: am Steuer Bürgermeisterin Brunhilde Hanke im Blumenkleid. Dann ein Schwenk zum Pressefest der „Märkischen Volksstimme“. Tausende bestaunen die Luftnummer der Akrobaten und hoffen auf den Hauptgewinn: einen Trabi. Der Clou ist die Reise mit der „4“ auf der längsten Tramlinie der Stadt zwischen Fontanestraße und Endhaltestelle Pirschheide. Die Verständigung in der quietschenden Schienenkutsche war offenbar nicht einfach. Den Fahrschein bitte!, sagt das die junge Schaffnerin mit „Umhänge-Kasse“ zu einer Oma. Die holt statt des Tickets ein trompetengroßes Hörrohr aus der Handtasche...

Potsdam aus dem L35
Filmmuseum startet neue „Historische Matinee”
Potsdamer Neueste Nachrichten, 22.11.2010, Günter Schenke

Eine ganz besondere Uraufführung gab es am Samstagvormittag im Filmmuseum zu sehen: Potsdam von oben aus dem Luftschiff L35. Den Film produzierte im Jahre 1918 das Bild- und Film-Amt Berlin – eine Einrichtung des Militärs. Genau genommen zeigt der kurze Film den Flug über das Berliner Zentrum mit Schloss, Dom und Brandenburger Tor bis in die Residenzstadt Potsdam mit Heiliggeist- und Garnisonkirche, Altem Markt und Luftschiffhafen. Hier nämlich ist L35 beheimatet und wird bei der Landung von einer Hundertschaft uniformierter Helfer gleichsam gestürmt, um es sicher am Boden fest zu zurren.

Filmhistoriker Hans-Gunter Voigt hat das seltene Dokument im Filmarchiv ausgegraben. Zusammen mit zahlreichen weiteren historischen Aufnahmen soll es auf einer neuen DVD erscheinen. Zum Start der neuen Staffel historischer Filmmatineen, auf der alle Filme gezeigt werden, hatten sich am Samstag etwa hundert Zuschauer im Kinosaal des Museums eingefunden. Weitere fünf Aufführungen gibt es noch in diesem Jahr.

Die Filme zeigen vor allem zwei Dinge: Pracht und Verfall der Garten- und Schlossanlagen sowie Potsdam als eine Stadt im Auf- und Umbau. Den großen Bogen vom Entstehen der Residenzstadt schlägt eine Produktion aus dem Jahre 1933: „Potsdam – vom Aufbau einer Stadt“. Es ist die Geschichte der kurfürstlichen Kolonialisierung Brandenburgs bis zu den architektonischen Glanzpunkten in der Regierungszeit Friedrichs II.

Auf den historischen Bildern, welche zum Beispiel die Nadima-Film aus Den Haag drehte, ist zu sehen, dass der bauliche Zustand der Schlossanlagen vielfach schlechter war als heute. Blätternder Putz, defekte Dächer und brüchige Fundamente wie beim Chinesischen Haus. Der Nachwuchslehrgang der Kurzfilmproduktion Babelsberg porträtierte 1952 mit „Alter Park in neuen Zeiten“ den „Volkspark Babelsberg“ und den Aufbau der späteren Akademie für Staat und Recht. Es sind die alten Bau-Loren zu sehen und die Hucker: Bauarbeiter, die das Material in großen Blechbehältern auf dem Rücken schleppen.

Die alten Filme sind schwarz-weiß, die ältesten sogar stumm. Helmut Schulte begleitet Letztere mit seinem wunderbar zarten Spiel auf der Welte-Kinoorgel. So baut er beim Anblick der Bittschriftenlinde im holländischen Film über die Residenzstadt das Lied vom Lindenbaum in die Melodienfolge ein.

Der einzige gesamtdeutsche Beitrag über Potsdam ist in Farbe zu sehen sowie auch die tolle Geschichte vom Wiederaufbau des Marstalls, dem heutigen Filmmuseum. Es handelt sich um eine Arbeit von Studierenden der Hochschule für Film und Fernsehen. In einer deutsch-polnischen Gemeinschaftsaktion entstand aus der Fast-Ruine des Knobelsdorffschen Marstalls ab 1979 innerhalb von drei Jahren das im Wesentlichen noch heute präsente Gebäude. Jahrelang setzten sich die ergänzten Teile des Figurenschmuckes am Dach hell von den schwarzen alten ab. Heute hat die Patina der Zeit alle Skulpturen gleich gemacht und es ist nicht mehr sichtbar, dass ein großer Teil aus dem Jahr 1981 stammt.

Ein Tafelservice für die Siegerinnen
Potsdam-Premiere für die Dokumentation „Die schönste Nebensache der Welt” über Frauenfußball
MAZ, 9.6.2010, Von Ricarda Nowak

Wie sich die Zeiten doch ändern. Mitte der 1950er Jahre belegte der Deutsche Fußballbund (DFB) das Vereinskicken der Damen noch mit einem Verbot, das erst 1970 aufgehoben wurde. Heute hingegen lobt DFB-Chef Theo Zwanziger die Fußballerinnen gar überschwänglich, sie hätten dank ihres Spiels „die Welt entscheidend verbessert“. Zwanzigers Kommentar leitet die unterhaltsame Dokumentation „Die schönste Nebensache der Welt“ ein. Tanja Bubbels Film über die Historie des deutschen Frauenfußballs ist der erste von vier Beiträgen aus dem Stadtfilmprojekt, der am Montagabend im Filmmuseum Potsdam-Premiere feierte. Die Regisseurin konnte den Applaus wegen der Arbeit an neuen Projekten leider nicht genießen.

Wie berichtet, hatte Stadtfilmemacherin und Kamerafrau Jana Marsik („Lippels Traum“) drei Dokumentationen und einen Spielfilm von Studierenden der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (HFF) betreut, die sich Potsdam als „Stadt der Wissenschaft“ näherten. Von ebenjener gescheiterten Titel-Bewerbung war das Stadtfilm-Vorhaben übrig geblieben. Beim HFF-Hochschultag im vergangenen Juli wurden Ausschnitte gezeigt. Im Filmmuseum war jetzt die komplette 56-minütige Dokumentation zu sehen.

Tanja Bubbel besuchte Frauen aus dem Ruhrgebiet, die in den 1950er Jahren als Exotinnen“ galten, jedoch nicht minder leidenschaftlich gegen das runde Leder traten als ihre Kolleginnen Jahre später. Sportreporter nennen die Kickerinnen nicht mehr abschätzig „Amazonen“ oder „Fußball-Suffragetten“, als Abwehrspielerin Petra Landers mit der SSG 09 Bergisch-Gladbach mehrfach die Deutsche Meisterschaft holt. Lachend zeigt sie Bubbel das Tafelservice, das es als Siegprämie für den Gewinn der Europameisterschaft 1989 gab. Zu diesem Zeitpunkt wird der DDR-Frauenfußball längst von Turbine Potsdam dominiert – damals wie heute unter Trainer Bernd Schröder (67). „Es ist beruhigend und beängstigend zu sehen, dass sich der Trainer nicht verändert hat“, grinste Turbine-Kapitänin Jennifer Zietz nach dem „schönen, lustigen“ Film. Schröder gilt als „harter Hund“. So sind denn auch in der „Schönsten Nebensache...“ Spielerinnen zu sehen, denen der Trainer Lkw-Reifen an die Hüften bindet, um sie damit über den Platz zu hetzen.

Der einzige Spielfilm des Stadtfilmprojekts erlebt beim Filmfest München (25. Juni bis 3. Juli) seine Uraufführung. „Rheingold“ streift Debatten zu Genetik, Sterbehilfe, Globalisierung. Am 12. September wird „Östlich der Sonne“, eine Dokumentation über eine Nordsibirien-Expedition des Potsdamer Alfred-Wegener-Instituts, in der Reihe „Potsdamer Köpfe“ präsentiert. Über das Entstehen von Bildern wird in „Mutmaßungen über die Welt“ philosophiert. Dieser Beitrag ist noch nicht fertig.

Die Bilderlosigkeit Afrikas Südafrikanisches Kino nach Ende der Apartheid
PNN, 03.06.10, Gabriele Zellmann

Afrikanisches Kino gilt nicht als besonders angesagt oder modern. Selbst Filmemacher würden oft beklagen, keine afrikanischen Filme zu finden, weil ja keine produziert würde, so leitete Dorothee Wenner, Afrika-Beauftragte der Berlinale, am Dienstag im Filmmuseum die Podiumsdiskussion „When Black & White turned Colour – Südafrikanisches Kino nach dem Ende der Apartheid“ ein. „Wenn vom schwarzen Kontinent geredet wird, scheint es um die Bilderlosigkeit Afrikas zu gehen“, sagte Dorothee Wenner. Die Anzahl der Kinos auf dem gesamten Kontinent sei geringer als die Anzahl der Kinos in Berlin und nur 15 Korrespondenten berichten über Geschehnisse in Afrika. Für Wenner liegt in dieser Bilderlosigkeit die Ursache, dass sich die deutsche Öffentlichkeit so wenig für Afrika interessiert.

Mit „Johannesburg Spezial“, einer Reihe von Filmen aus und über Johannesburg, bot das Filmmuseum kurz vor der Fußballweltmeisterschaft eine gute Woche lang Gelegenheit, einen filmischen Blick auf die größte Stadt Südafrikas und damit auch auf das von starken Gegensätzen geprägte Land zu werfen. Zu sehen war eine interessante Auswahl aus verschiedenen Jahrzehnten der südafrikanischen Kinematografie. Angesichts eines Landes, das wegen seiner ethnischen Vielfalt oft als Regenbogennation bezeichnet wird und in dem allein elf gültige Amtssprachen existieren, mag es nicht verwundern, dass „das südafrikanische Kino keine nationale Identität aufweist, sondern eher eine Sammlung verschiedener Teile darstellt“, so Darryl Els, Dokumentarfilmer aus Johannesburg und Kurator von „Johannesburg Spezial“. Die Auswahl reichte vom rassistischen Stummfilm „De Voortrekkers“ (1916), über Streifen aus der Apartheid-Zeit wie „Land apart“ (1975), einem historischen Dokument, das eine Art Diskurs zwischen dem konservativen und dem liberalen weißen Südafrika über die Apartheid-Politik enthält, bis hin zu erfolgreichen Produktionen aus den letzten Jahren. So auch „Tsotsi“, der 2006 als erster afrikanischer Film überhaupt den Oscar für den besten ausländischen Film gewann und der neben „District 9“ noch weiterhin im Filmmuseum gezeigt wird.

Ausgangspunkt der Diskussion war die Frage, ob das Jahr 1994, in dem der ANC die ersten demokratischen Wahlen gewann, eine Stunde Null für den südafrikanischen Film gewesen sei. Die Antworten fielen differenziert aus. Teboho Edkins, südafrikanischer Filmemacher, der momentan in Berlin lebt, wies darauf hin, dass vor 1994 die Finanzierung für südafrikanische Filme von außen kommen musste, gerade in den 80er Jahren jedoch auch wichtige südafrikanische Filme produziert worden seien.

Darryl Els sah das Jahr 1994 indes als Stunde Null für die Filmindustrie. Er erinnerte daran, dass vor 1994 keinem schwarzen Südafrikaner überhaupt möglich war, eine Kamera in die Hand zu nehmen und zu produzieren. Das sei nun natürlich einfacher. Unter filmtechnischen und filmästhetischen Gesichtspunkten finde er den Begriff jedoch schwierig, denn er habe erlebt, dass an der Filmhochschule die Filme von vor 1994 nicht gezeigt und diskutiert wurden. Kein Erbe zu haben, bedeute aber fehlende Kontinuität.

„Eine Kontinuität fehlt uns auch im Sinne von Bevölkerungsmehrheit. Denn ein großer Teil der Bevölkerung in den Townships hat bis 1994 gar keine Filme angesehen“, sagte Ben Khumalo-Seegelken, Theologe und Aktivist, der 1975 Südafrika verlassen musste und Exil in Deutschland fand. Während seiner Kindheit bis 1975 habe er kein einziges Mal ein Kino betreten und erinnere sich an Debatten unter den schwarzen Jugendlichen darüber, dass die Weißen auf die Schwarzen schauen und deren Geschichten erzählen. Bis jetzt, meinte er, sei es noch nicht so, dass diejenigen, die die Geschichten erleben, sie auch schildern und festhalten.

Renate Tenbusch von der Friedrich-Ebert-Stiftung betonte die Bedeutung des neuen Mediengesetzes, das 1996 geschaffen wurde. Vorher war die Beschäftigung von Schwarzen in den Medien verboten. Sämtliche Fernseh- und Radioprogramme des Landes waren ausschließlich aus der Perspektive von Weißen und von ihnen gestaltet. Auf die Frage, was für die Medien im Zuge der anstehenden Fußball-WM im Medienbereich geschehen sei, antwortete sie, dass es dort noch immer zu wenig ausgebildete Fachleute, wie Journalisten, Kameraleute, Techniker, Produzenten gäbe. Trotz des Interesses des Wirtschaftsministeriums an der Entwicklung der Medien existiere kein funktionierendes Ausbildungssystem.

Ein bilderloser Kontinent
Diskussion über Kino in Südafrika
Der Markt wird von Importen aus den USA und Europa dominiert
Maz, 07.06.2010, Lothar Krone
Noch dominieren die bundespräsidiale Nachfolgesuche und Europas Sangeskönigin Lena die Schlagzeilen, aber nächste Woche gibt die Fußball-Weltmeisterschaft dem Medien-Affen neuen Zucker. Dann steht auch das Gastgeberland Südafrika im Blickpunkt. Um den dann „ausschließlich formatierten TV-Bildern“ vom Kap etwas entgegenzusetzen, hat sich das Filmmuseum in den vergangenen Tagen dem Kino aus Johannesburg zugewendet und die Reihe am Dienstagabend mit einer Podiumsdiskussion abgerundet.

Zur Einstimmung beklagte Dorothee Wenner, Afrika-Delegierte der Berlinale, die „Bilderlosigkeit“ des schwarzen Kontinents. Weil so wenige Bilder aus Afrika Deutschland erreichen, sei hierzulande das Interesse an dem Kontinent entsprechend gering. Dies belegten folgende Zahlen: Während aus Indien jährlich etwa 300 Beiträge zur Berlinale eingereicht würden, kämen aus Afrika weniger als ein Dutzend Filme. Und während in den USA mehr als 300 Korrespondenten für deutsche Medien arbeiten, seien es in Afrika nur 15.

Das Plus an Aufmerksamkeit für Südafrika werde sich auf die Dauer der Weltmeisterschaft beschränken – „das ist frustrierend und oberflächlich“, sagte der südafrikanische Filmemacher Teboho Edkins. Edkins Kollege und Landsmann Darryl Els sieht für das fußballverrückte Kap eine Chance, dass dank des Sportereignisses „die Nation zueinander findet“. Einfluss auf das Filmschaffen hätte die WM nur insofern, als Beiträge entstanden, die sich mit dem runden Leder befassten.

Eine Zäsur war dagegen die Abschaffung der Apartheid 1994, die es Schwarzen ermöglichte Filme zu produzieren und zu drehen. Der Bruch mit der rassistischen Vergangenheit führte jedoch auch zu einem Bruch mit dem Filmerbe, sagte Els. Es gebe keine filmästhetische oder technische Kontinuität.

Während ihrer Jahre am Kap, in denen sie als Referentin für die Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitete, nahm Renate Tenbusch südafrikanische Kinofilme gar nicht wahr. In den Multiplexen wurden US-Blockbuster, in Programmkinos europäische Beiträge gezeigt. Tatsächlich schaffen es nur ganz wenige südafrikanische Filme wie das Oscar-prämierte Drama „Tsotsi“ (2005), im Ausland bemerkt zu werden. (R.N.)

Gegen Afropessimismus
Heute beginnt im Filmmuseum eine „Johannesburg Spezial”-Filmreihe
Potsdamer Neueste Nachrichten, 27.05.2010, Heidi Jäger

Die Fahnen an den Autos sind aufgesteckt, Menschen laufen im Fieber der Vorfreude mit Fußball-Shirts durch Johannesburg. Die in Europa und auch im eigenen Land geführte Diskussion, ob Südafrika wirklich in der Lage sei, so ein Mega-Ereignis wie die Weltmeisterschaft zu stemmen, seien inzwischen verstummt. „Doch alle Euphorie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Südafrika ein Land der Gegensätze ist. Während Billionen südafrikanischer Rands in den Bau von Sportstätten geflossen sind, gibt es in den Townships weder Strom noch Wasser. Kriminalität und Aids sind die großen Themen des Landes“, sagt der Dokumentarfilmer Darryl Els. Und trotz der offiziellen Abschaffung der Apartheid lebe der Rassismus weiter. Dieses Thema ziehe sich auch durch das „Johannesburg Spezial“, das ab heute im Filmmuseum für eine Woche zu sehen ist und das Darryl Els moderierend begleitet. Die Auswahl reicht von dem 1916 gedrehten Stummfilmepos „De Voortrekkers“, der den Rassismus zelebriert, über den 1959 im Untergrund produzierten Antiapartheidstreifen „Come back Africa“ bis zu dem Science-Fiction-Film „District 9“ von 2009, der die Umsiedlung unerwünschter Nachbarn zeigt – vor dem Hintergrund brutaler Übergriffe auf Einwanderer, die zeitgleich zum Dreh im Township Soweto stattfanden. „Der Rassismus sitzt tief. Selbst 16 Jahre reichen nicht aus, um die Wunde zu schließen.“ In Johannesburg, wo der Regisseur seit fünf Jahren lebt, sei es inzwischen normal, dass schwarz-weiße Pärchen durch die Stadt bummeln. „Aber in kleineren Städten werden sie noch immer angefeindet.“

Der Bogen in den zwölf ausgewählten „Spezial“-Filmen sei weit gespannt, lobt Darryl Els die Auswahl, die Filmmuseums-Mitarbeiterin Birgit Acar gemeinsam mit der Cinematheque de Toulouse traf, die die Filmreihe nachspielt. Das Spektrum ziele bis ins zeitgenössische Filmschaffen. Das sei zwar vor allem durch Comedy und Slapstick ausgerichteten Mainstream geprägt. Aber es gebe auch immer mehr Autorenstimmen, wie die von Khalo Matabane. Er beschreibe in „Conversations on a Sunday Afternoon“ sehr gut die Atmosphäre in Johannesburg jenseits der Shopping Mails. Es sei indes schwierig, Filme zu produzieren, die nicht den Kommerz bedienen, weiß er aus eigener Erfahrung. Der 32-jährige Darryl Els findet ein ganz eigenes Bild, wenn er Johannesburg beschreibt. „Wenn du an einer Straßenkreuzung stehst, siehst du in den Geschäften die größten Autos stehen, vom Ferrari bis zum Daimler. Und dann ist da die bettelnde Frau, die auf der Straße lebt.“ Die große Frage sei, wem die Gewinne der Weltmeisterschaft zugute kommen. „Den kleinen Leuten wohl eher nicht. Die Straßenverkäufer werden schon jetzt von ihren Plätzen verwiesen.“

Dennoch ist auch er im ungebremsten Fußballfieber und hat sich schon Tickets für Ghana gegen Deutschland und Brasilien gegen die Elfenbeinküste gesichert. Darryl Els hofft, dass die WM den Afropessimismus widerlegt: die Sicht der restlichen Welt, dass Afrika zu chaotisch sei, solche Dinge zu schaffen. „Wir stehen schließlich für den ganzen Kontinent.“

Und selbst wenn es immer wieder vorwärts und rückwärts gehe, sei es ein überwältigendes Land. „Jetzt gibt es ohnehin nur eine gemeinsame Frage: Schlagen wir Mexiko, Frankreich und Uruguay?“

Die Natur im Sucher
Die 5. Ökofilmtour feiert im Filmmuseum ein überschwängliches Finale
Maz, 20.4.2010, Lothar Krone

Die „Ökofilmtour 2010“ wurde am Dienstagabend im Filmmuseum mit der Bekanntgabe der Preisträger beendet, obwohl das landesweite brandenburgische Festival noch lief. Viele der Protagonisten der Vorjahre, wie Festival-Chef Ernst-Alfred Müller, RBB-Moderator Hellmuth Henneberg oder auch die Jurymitglieder Rolf Losansky und Monika Griefahn sorgten für einen routinierten Ablauf und integrierten die neuen Gesichter in das erprobte Festival-Verfahren.
Neu dabei waren zum mittlerweile fünften Finale Bürgermeister Burkhard Exner (SPD) und Landesumweltministerin Anita Tack (Linke). Sie alle füllten ihren Part professionell, wenngleich Tack als Vertreterin des Ministerpräsidenten und Schirmherrn Matthias Platzeck (SPD) einen Lacher auslöste, als sie beim Verlesen der Danksagungen erschrocken feststellte, dass sie sich soeben bei sich selbst bedankt hatte.
In die so aufgeheiterte Stimmung passte der nun auch schon Tradition gewordenen Auftritt der Wahnsinns-Showband IG Blech, die mit ihrer „Lizenz zum Tröten“ für musikalische Auffrischung sorgte. Für ein weiteres musikalisches Highlight sorgte der Organist der Kinoorgel Helmut Schulte, der eigens für diesen Abend den ersten in Babelsberg entstandenen Tierfilm aus dem Jahre 1920 mit einem eigenen Arrangement veredelte. Einfühlsam und mit hoher Präzision in der Abstimmung mit dem Leinwand-Geschehen machte er den 15-minütigen Film über einen Hirschkäfer zu einem unerwarteten kulturhistorischen Erlebnis.
Weitere tolle Filme, wenn auch nur in Ausschnitten, bekamen die Zuschauer bei der Bekanntgabe der Preisträger zu sehen. Als bester Kinder- und Jugend-Film wurde „Wildnis Garten“ von Svenja und Ralf Schieke mit 5000 Euro prämiert. Das gleiche Preisgeld gab es in der Rubrik bester Naturfilm für die Arte-Produktion des WDR „Kluge Pflanzen“, mit der sich Volker Arzt, Immanuel Birmelin, Brian McClatchy und Heinz von Mattey beworben hatten.
Leider ohne eine materielle Anerkennung blieb diesmal der Gewinner des Hoimar-von-Ditfurth-Preises für die beste journalistische Leistung, Bertram Verhaag. Sein 45-minütiger Dokumentarfilm „Der Bauer, der das Gras wachsen hört“ über den 57-jährigen „freien Ökobauern“ Michael Simml aus dem Bayerischen Wald ist ein bewegendes filmisches Denkmal über einen Helden des ökologischen Landbaus.
Sensationelle Bilder, wie auf einem Gemälde komponiert, verführten die Jury ein weiteres Preisgeld von 5000 Euro für „Home“ von Yann Arthus-Bertrand für die beste künstlerische Leistung zu spendieren. Zur Festival-Prozedur gehört die Auslosung des Gewinners einer elektronischen Kamera unter den mehr als 10 000 Zuschauern in den 69 am Festival beteiligten brandenburgischen Gemeinden. Die Kamera ging nach Kloster Chorin.

ÖKOFILMTOUR: Viele kleine Kraftwerke
Regisseur Carl Fechner zeigt im Filmmuseum seine Dokumentation „Die 4. Revolution“

MAZ, 16.4.2010, Ricarda Nowak

Nach der agrarökonomischen, der industriellen und der Informations-Revolution beschwört Regisseur Carl Fechner die Energie-Revolution. In seiner Kinodokumentation „Die 4. Revolution – Energy Autonomy“, die Fechner innerhalb der Ökofilmtour am Mittwochabend im Filmmuseum vorstellte, will er den Weg in eine Epoche weisen, in der Energie ausschließlich aus Wind, Wasser, Sonne gewonnen wird und kostenlos zugänglich ist. Ohne die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen könnte Kapital gerechter verteilt und Machtverhältnisse neu geordnet werden, so die These.
Fechner reiste für seine Dokumentation einmal um den Erdball, stellt zehn beispielhafte Projekte und Vorkämpfer für erneuerbare Energien vor. So werden in Kalifornien elektrobetriebene Sportwagen für Prominente wie George Clooney hergestellt. In Mali und Bangladesh sichern erneuerbare Energien die Existenz zahlreicher Familien. Auf einer Halbinsel im Nordwesten Dänemarks werden rund 50 000 Menschen mit Strom aus Windkraft und anderen erneuerbaren Energien versorgt. Im rheinland-pfälzischen Wörrstadt steht das energieeffizienteste Bürogebäude der Welt.
Vier Jahre dauerte die Produktion des Dokumentarfilms. Während dieser Zeit traf der Regisseur und Drehbuchautor Umweltschützer, Erfinder und Manager, die nur ein Ziel haben: von Erdöl, Kohle, Atomkraft komplett zu erneuerbaren Energien zu wechseln. Zu den Protagonisten des Films gehört auch der SPD-Bundestagsabgeordnete und Träger des alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer, der seit Jahren gegen die mächtigen Energiekonzerne streitet, die an den fossilen Ressourcen festhalten. „Das bestehende Energiesystem ist am Ende“, sagte Scheer im Filmmuseum. Die Bevölkerung sei Umfragen zufolge längst bereit, auf regenerative Energien umzusteigen. Demzufolge wünschten sich 90 Prozent der befragten Deutschen mehr Strom aus Sonne, Wind und Wasser, so Scheer. In diesem Zusammenhang sollte der vor vier Wochen im Kino gestartete Dokumentarfilm „positive Emotionen“ für erneuerbare Energien wecken und gleichzeitig Besucher aktivieren, sich für Energie-Autonomie in ihrem Dorf, ihrer Stadt, ihrem Land einzusetzen. Scheer und Fechner setzen auf dezentrale Energieversorgung, auf viele kleine Kraftwerke, auf Passivhäuser und die eigene Solaranlage auf dem Dach. Dagegen hält Scheer nichts von Megaprojekten wie dem geplanten Solarpark „Desertec“ in der Sahara, weil die Investitionskosten „absurd hoch“ seien und die Stromkonzerne nur ihre Monopole sichern wollten.

„Der Film hat mir den Arsch gerettet”
Potsdamer Neueste Nachrichten, 10.12.2009, Heidi Jäger

Jörg Schüttauf und Egon Günther beim Filmgespräch in der Reihe „Der ungeteilte Himmel"

Dass Jörg Schüttauf mehr kann, als im „Tatort“ ermitteln, wissen vor allem die Potsdamer, die ihn als Amadeus oder Revisor auf der Bühne des Hans Otto Theaters erlebten. Der am Dienstag im Filmmuseum gezeigte Film „Lenz. Ich aber werde dunkel sein“ aus dem Jahre 1992 zeigte einen Schüttauf, der mit noch viel mehr Facetten zu brillieren wusste. Er spielte diesen mit Goethe befreundeten und von ihm fallengelassenen rebellierenden Dichter zwischen Hingabe und Aufbegehren, kindlicher Naivität und bis in den Wahnsinn getriebener seelischer Verletztheit. „Dieser Film hat mir sozusagen den Arsch gerettet“, sagt Jörg Schüttauf im Filmmuseum und wiederholt damit einen Satz aus dem Buch „Der ungeteilte Himmel“, das 19 Schauspieler zu Worte kommen lässt. Dieses spannend-unterhaltsame Porträtbuch von Ingrid Poss und Peter Warnecke ist Grundlage einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe des Filmmuseums, die Schauspieler und einen ihrer wichtigsten Filme vorstellt. Am 4. März wird sie mit einer Foyerausstellung, in der Fotos der 19 porträtierten Schauspieler – von Inge Keller über Rolf Hoppe bis Jörg Gudzuhn und Anja Kling – zu sehen sind, beendet. Falls keine Dreharbeiten dazwischenkommen mit Michael Gwisdek auf dem Podium.

Das gehörte zum Auftakt erst einmal neben Jörg Schüttauf dem Regisseur Egon Günther. Der wusste bereits beim ersten Kennenlernen, dass Schüttauf genau der von ihm gesuchte Lenz sei. „Nicht nur, weil er so schön sächselte und so schön vorlesen konnte, was sich später als auswendig gelernt erwies“, witzelt der 82-Jährige. Auch von den so offenen, schönen großen blauen Augen des Darstellers zeigte sich Günther angetan, wie er im Gespräch bekennt. Und gießt damit wohl Öl ins Feuer Schüttaufs. Denn der kämpft schon seit geraumer Zeit mit der Bemerkung einer Regieassistentin: „Nun mach dir doch mal nichts vor, Jörg. Alles, was du bist, bist du durch deine Augen.“ Und fürwahr, gern schaut man in diese hinein. Doch was nützen die schönsten Strahleaugen, wenn sie nicht beseelt sind? Jörg Schüttauf kann indes Charaktere formen, und dieser stürmische Lenz ist einer davon. „Ein Stoff, der mich mehr forderte, als ,Hände hoch! Waffe weg! Wo waren Sie denn am Donnerstag?’ Ohne den Lenz wäre ich vielleicht immer noch ,Der Fahnder’ gewesen“, sagt der Caputher.

Dabei war Lenz die erste Filmrolle, die er sich eigentlich nicht zutraute. „Ich kann das nicht, ich bin Prolet, kein Dichter, ich kann jemanden Schlaues nicht spielen“, hatte er zu Egon Günther gesagt, als der ihm das Drehbuch zu lesen gab. Doch Günther ließ sich nicht beirren. „Jörg Schüttauf saß genau auf dieser Rolle und gab noch mehr, was ich gar nicht denken konnte.“ Er überschüttet während des Gesprächs, bei dem sich der Regisseur mitunter auch etwas verrennt, den Schauspieler förmlich mit Komplimenten. Doch Jörg Schüttauf fängt in seiner herrlich erfrischenden, offenen Art jedes aufkommende Pathos wieder ab. Während Egon Günther in seinen Erinnerungen schwelgt, wie toll die Dreharbeiten damals inmitten des Wendetrubels gewesen seien – „wir hatten keinen Boss über uns, keine DEFA im Nacken, ein Film, gedreht in absoluter Freiheit“ – erinnert sich Schüttauf auch an seine Bauchschmerzen. Er habe dem Beifall auf der Filmpremiere nicht geglaubt. „Aber das geht mir mit vielen Filmen so, dass ich denke, es hätte schneller, spritziger, witziger sein können.“

Von dem Grimme-Preis für „Lenz“ erfuhr er erst Wochen später, am FKK-Strand auf Elba. „Eine Regieassistentin oder war es die Garderobiere? – ich habe sie so splitterfasernackt nicht gleich erkannt – sagte zu mir: ,Dir muss es doch gut gehen nach diesem Preis.’ Von dem hätte ich schon gern vorher gewusst. Es machte mich ein bisschen traurig“, spricht er in Richtung seines „Meisters“ und gibt der beschwingten Stimme für eine Sekunde einen ernsten Unterton.

Egon Günther schwärmt indes von der DEFA und ihrer unglaublichen Facharbeitergemeinschaft mit dem riesigen Arbeitsethos, von den DDR-Schauspielern, die eine andere Energie, einen anderen Zugriff auf die Realität hätten als die West-Kollegen. Und er erzählt über den Druck des Geldes und der Zeit, die er im Westen zu spüren bekam. „Alles wurde misstrauisch beäugt.“ Und er versteigt sich zu dem Satz: „Die DEFA war freier als andere Filmgesellschaften“, um dann zu relativieren: „Es gab Leute bei der DEFA, die konnten beinahe alles machen, was sie wollten. Und ich gehörte wohl dazu.“ Egon Günther verließ 1978 die DDR, als ihm seine nichtrealistische Bildsprache vorgeworfen wurde, behielt jedoch den DDR-Pass. Gern hätte er die Zusammenarbeit mit Jörg Schüttauf nach „Lenz“ fortgesetzt, betont der Filmemacher und spricht über seinen seit Jahren im Schreibtisch schmorenden „Nietzsche“. „Um den zu verstehen, müsste ich jeden Satz drei Mal lesen“, entgegnet der 47-jährige Schauspieler, was nach Lenz wohl als Koketterie abgetan werden kann.

FILMREIHE: Sieben auf einen Streich
Das Potsdamer Filmmuseum zeigt noch bis zum Sonntag „Wende”-Filme
MAZ, 19.6.2009, Angelika Mihan
POTSDAM - Im Jahr 1990 gründete sich in der Defa die fünfte Produktionsgruppe namens „DaDaeR”, die nicht nur aus Dramaturgen, sondern auch aus jungen Regisseuren, Autoren und Produzenten bestand. Als dritter Film der Gruppe entstand 1990 „Das Land hinter dem Regenbogen“ von Herwig Kipping, der jetzt im Rahmen der Filmreihe „Junge Filmemacher zwischen Diktatur und Demokratie” im Potsdamer Filmmuseum vorgestellt wurde. Der Autor und Regisseur, der den Stoff ab 1986 entwickelte, sagte bei der Vorführung am Mittwochabend: „Es ging um meine Kindheit”. Die poetisch überhöhte und zugleich aberwitzige Geschichte spielt in einem kleinen DDR-Dorf im Jahr 1953. Das Kaff heißt Stalina: Die Menschen sind Marionetten ohne Sinn für die Realität. Sie denken nicht, sondern leben ihre Triebe. Alles Unrecht legitimieren sie mit der Verherrlichung des Sozialismus, mit der gottgleichen Verehrung für Stalin, und werden gleichzeitig durch das System zerrieben. Nur die Kinder glauben noch an das Gute im Menschen.

„Da wir keine Religion hatten, mussten wir uns selbst suchen. In meiner Familie war das große Gesprächsthema der Krieg”, so Kipping. „Ich wollte nie erwachsen werden, wollte nicht so sein wie die, so ohne Liebe.”

Die Welt sei unerträglich gewesen. „Heute ist sie noch viel schlimmer”, meint Kipping, „weil wir damals wenigstens noch einen Traum hatten. Heute kann man sich nur selber anspucken. Ich habe mein Bestes gegeben, aber was ist schon das Beste?” Der Film erhielt 1992 den Bundesfilmpreis in Silber. Die Idee für die Filmreihe, in der sieben Produktionen vorgestellt werden, hatte die Film- und Fernsehwissenschaftlerin Heidrun Wilkening. Gemeinsam mit dem Filmmuseum und im Rahmen von Kulturland Brandenburg konnten die Filme, die aus dem Repertoire der Kinos verschwunden sind, aus der Versenkung hervorgeholt werden. Gleichzeitig gelang es der 50-Jährigen nach zähen und aufwendigen Verhandlungen und einigen Überredungskünsten, die damals „jungen Wilden” heute vor die Kamera zu bekommen.

Herausgekommen ist ein äußerst lebendiges Bild über die Arbeitsbedingungen, Hoffnungen, über Scheitern und Erfolg – ein Film, der die ganze Bandbreite der Wende-Aufbruchsstimmung dokumentiert. „Ich habe sie nicht vorgeführt”, sagt Wilkening. „Sie wussten alle, worauf sie sich einlassen. Sie wussten, dass es in den Interviews auch um die konfliktreiche Verbandsgeschichte geht, wollten sie aber im Nachhinein nicht werten oder irgendjemanden denunzieren.” Vor allem verblüfft die Ehrlichkeit und Selbstkritik der inzwischen in die Jahre gekommenen Filmemacher: die Erinnerung an eine wilde, verwirrende Zeit. „Das war natürlich keine homogene Gruppe”, weiß Heidrun Wilkening, die mit dem Produzenten Thomas Wilkening verheiratet war, der vor vier Jahren tödlich verunglückte. Auch er war ein Mitglied der Gruppe und gründete später seine eigene Filmfirma („Gripsholm”, diverse „Polizeiruf 110”-Filme).

Die DVD „Runder Tisch der Generationen“ ist leider nicht im Handel zu erhalten, bedauert Wilkening, da es keinen Vertrieb gebe. Auch ihre Idee zu Einzeln-Porträts – das gedrehte Material reicht hinlänglich und sei „wirklich spannend“ – kann sie zurzeit nicht realisieren, da die Geldgeber fehlen. Selbst die Defa-Stiftung lehnte ab. Ihr schwebt ein DVD-Schuber vor, der alle Porträts vereint. Und bei der Energie, mit der die Mutter zweier Kinder an die Verwirklichung ihrer Ideen geht, sollte es ihr gelingen, auch für dieses Projekt Gelder zu organisieren.

Im Handwerksmuseum in Neuruppin sind ab nächster Woche ebenfalls Wende-Filme zu sehen. Da laufen Helke Misselwitz’ berührender Dokumentarfilm „Winter adé“ und der Spielfilm „Die Architekten” von Peter Kahane, der sich übrigens in Wilkenings Augen im Gespräch am kommunikativsten zeigte.

Roman Polanski plaudert über „The Ghost”
MAZ, 21.2.2009, Von Ricarda Nowak

In einer Drehpause eilte Star-Regisseur Roman Polanski („Rosemary’s Baby”) gestern Abend von den Babelsberger Studios ins ausverkaufte Filmmuseum, um über sein neues Werk „The Ghost“ zu plaudern. „Ich wäre gern noch ins Hotel gefahren, um mich zu rasieren, aber Sie sind ja auch nicht rasiert”, witzelte der 75-Jährige ins Publikum. Zuvor bekundete er aufrichtig seine Freude, wieder in Potsdam zu sein.
Zum zweiten Mal wählte der französische Regisseur, Schauspieler und Schriftsteller mit polnisch-jüdischen Wurzeln den traditionsreichen Filmstandort für Dreharbeiten. 2001 realisierte Polanski unter anderem in den Studiokulissen der „Berliner Straße" das Holocaust-Drama „Der Pianist”, der drei Oscars gewann. Heute setzt sich die Filmcrew in Richtung Nordseeküste in Bewegung, verriet Angelika Müller, Sprecherin von Studio Babelsberg. Die Arbeiten in den Studios seien „vorerst” abgeschlossen, doch Polanski werde nach Ende der Außendrehs weiter hier arbeiten.

Polanskis aktuelles Projekt „The Ghost” basiert auf einem Thriller von Robert Harris („Vaterland”). Der Film erzählt von dem britischen Ex-Premierminister Adam Lang (Pierce Brosnan), der auf einer Insel seine Memoiren schreibt. Als sein langjähriger Mitarbeiter ertrinkt, soll ihm ein Ghostwriter (Ewan McGregor) beim Beenden des Buches helfen. Bald wird der anonyme Schreiber in eine politische und sexuelle Intrige verstrickt... Weitere Rollen haben Kim Catrall („Sex and the City“), Olivia Williams („The Sixth Sense”) und Robert Pugh („Master & Commander“) übernommen. „The Ghost” wird von Studio Babelsberg koproduziert. Die Studio-Vorstände Carl L. Woebcken und Christoph Fisser ließen sich gestern entschuldigen, beide fiebern in Los Angeles der Oscar-Verleihung am Sonntag entgegen. Die Babelsberger Koproduktion „Der Vorleser” hat fünffache Gewinnchancen.

Filmmuseums-Chefin Bärbel Dalichow zeigte sich „glücklich und stolz”, Polanski in ihrem Hause begrüßen zu dürfen. In der Dauerausstellung steht sein Regie-Stuhl, der bei „Der Pianist“ zum Einsatz kam. Dalichow hofft, auch von „The Ghost” Reliquien zu bekommen – „wir haben viele Wünsche”. Nächsten Montag wird um 18 Uhr im Filmmuseum noch einmal „Der Mieter” (1976) von und mit Polanski gezeigt.

Magische Schatten
Roman Polanski unterbrach kurz seine Dreharbeiten und kam auf einen Blitzbesuch ins Filmmusuem
Potsdamer Neueste Nachrichten, 21.2.2009, Heidi Jäger

Gern hätte er vor seinem Besuch im Filmmuseum noch eine Dusche genommen und sich rasiert. Doch nach einem kurzen Blick ins Publikum setzt er augenzwinkernd nach: „Aber Sie haben sich ja auch nicht rasiert.“ Wie einem Jungbrunnen entstiegen, plaudert der 75-jährige Stargast Roman Polanski am Donnerstagabend vor ausverkauftem Haus munter über seine Arbeit in Babelsberg – von den Anstrengungen seines bereits 12-stündigen Drehtages keine Spur. Ungenauigkeiten in den Fragen parliert er mit Charme. Nein, es sei nicht sechs, sondern schon acht Jahre her, als er das erste Mal in Babelsberg drehte. „Aber die Zeit vergeht immer sehr schnell.“ Und er schwärmt nach dem Blitzlichtgewitter der Fotografen von den sehr schönen Drehs in Potsdam und Umgebung und wie überrascht er war, eine so hochmotivierte Crew und tolle Technik vorzufinden.

Er muss es wissen, schließlich drehte der polnische Regisseur mit französischer Staatsbürgerschaft bereits überall auf der Welt. Doch sein Babelsberger „Pianist“ brachte ihm den größten Ruhm: die Goldene Palme und den Oscar für die beste Regie. Seit diesem Goldregen hat er seinen Holocaust-Film allerdings nicht wieder gesehen, „aber ich habe sehr gute Erinnerungen daran: Vor allem gefielen mir die Emotionen auf deutscher und zugleich polnischer Seite. Es ist der einzige Film, der etwas mit meinem persönlichen Leben zu tun hatte. Das machte die Dreharbeiten sehr leicht.“ Jedes Detail habe er im Kopf gehabt, es sind seine Kindheitserinnerungen. „Alles was ich vorher gemacht hatte, kam mir vor wie eine Probe für diesen Film.”

Natürlich folgen weitere „Polanskis”: denn ein so energiegeladener, kreativer Kopf braucht Futter. Jetzt ist er erst einmal auf Thriller-Spur, verfilmt wiederum in Babelsberg und ab heute auch auf Sylt „The Ghost“ von Robert Harris. „Eigentlich war ich gerade dabei, mit Robert den Film ,Pompeij’ vorzubereiten. Aber dann kam der Schauspielerstreik und es war zu riskant, das Projekt weiter zu betreiben.“ Also wichen sie auf ein machbares Unternehmen aus: auf die Geschichte des Ghostwriters, der bislang nur über Künstler oder Fußballer geschrieben hatte und plötzlich die Memoiren des Premierministers – Ähnlichkeiten mit Tony Blair schloss Polanski nicht unbedingt aus – verfassen soll. Dafür bekommt er eine Luxusvilla auf einer Insel zur Verfügung gestellt. Dort erfährt er, dass sein Vorgänger auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Und um so mehr der neue Schreiber darüber heraus bekommt, um so größeren Gefahren ist er ausgesetzt. „Wenn Sie noch mehr erfahren wollen, müssen Sie sich eine Kinokarte kaufen,“ bricht Polanski seine „Vorschau“ kurzerhand ab und wirft erneut seinen jungenhaft-schelmischen Blick in die Reihen.

Dann erzählt er im Gespräch mit Moderatorin Petra Castell, dass ein Drehbuch für ihn immer eine sehr genaue Gebrauchsanleitung sei. „Es enthält größtenteils alles, was ich bereits im Kopf habe. Das Schwierige ist es dann, wie ich meine Vorstellungen den anderen im Team verfügbar machen kann. Oft schieben sich neue Realitäten wie ein Schleier dazwischen. Aber ich bemühe mich, sie nicht verdrängen zu lassen.“ Nicht von den Schauspielern, nicht von der Kamera.

Besonders spannend werde es für ihn, wenn er selbst sowohl vor als auch hinter der Kamera agiere, wie in dem Film „Der Mieter“, der nach dem Gespräch im Filmmuseum gezeigt wurde. In diesem 1976 in Paris gedrehten Streifen führte er Regie und übernahm die Hauptrolle. Haarklein schilderte Roman Polanski das Procedere, wie er mit seinem Double immer wieder die Positionen wechsele. „Wenn ich die Szene technisch eingerichtet habe, bin ich ganz und gar Schauspieler und vergesse, dass ich auch Regisseur bin. Doch dann sehe ich plötzlich, dass mein Partner nicht an der richtigen Markierung steht und schon ist die Konzentration weg.“ Und so sei man im Nu beim 28. Take und könne sich nur noch sagen, das ist jetzt das Problem des Produzenten. „Also fängst du mit dem 29. Versuch an – und siehst plötzlich, dass du einen Schatten auf den Partner wirfst. So geht es weiter und weiter.“

Und schon greift Polanski seine Blumen und entfleucht mit strubbeligem Haar zur nächtlichen Drehschicht nach Babelsberg. Dem Publikum hinterlässt er ganz andere Schatten: die seiner „Mieter“. Eine schwere Kost nach dem leichtfüßigen Überflug des berühmten Gastes. Auf der Leinwand zeigt sich Polanski nunmehr als der schüchterne, gut rasierte Büroangestellte Trelkovsky, der nach und nach durch die feindselige Gesellschaft seiner Nachbarn in den Wahn getrieben wird. Nach der Vorstellung scheinen selbst im friedlich zugeschneiten Potsdam Monsterköpfe zu tanzen. Das Kino Polanskis wirft lange magische Schatten.

Der Dokumentarfilmer Karl Gass ist tot
Potsdamer Neueste Nachrichten, 31.1.2009, Kerstin Decker

Seinen berühmtesten Film hat er nicht selbst gedreht. 1961 sagte Karl Gass zu seinem Assistenten: „Du solltest eine in unserem Land heranwachsende Generation mit der Kamera vom Schulbeginn an begleiten und zwar so lange, bis deren Kinder wieder in die Schule kommen.“ Am liebsten hätte er das natürlich selbst gedreht. Aber er ist im Jahr der Oktoberrevolution geboren, und wer garantierte ihm, dass er 1986 noch leben würde? Dokumentarfilmer, auch so bildmächtige wie Gass, sind nüchterne Menschen. Das Porträt des neuen, freien, sozialistischen Menschen durfte keinesfalls durch den Tod des Regisseurs gestört werden. Nun ist alles anders gekommen: Gass, der Vater des DDR-Dokumentarfilms, ist gestern kurz vor seinem 92. Geburtstag in Kleinmachnow gestorben. Sein junger Assistent ist über der Lebenslust und Lebensbürde der „Kinder von Golzow“ selbst alt geworden. Nur das Porträt des neuen Menschen ist nicht entstanden.

Joris Ivens und Andrew Thorndike waren Gass’ Vorbilder. Der Mitgründer der Leipziger Dokumentarfilmwoche war nach dem Krieg Wirtschaftsredakteur beim Norddeutschen Rundfunk. 1948 ging der Mannheimer nach Ostberlin. Auch weil es nur halb so interessant ist, zuzuschauen wie etwas Altes wiederentsteht, als Zeuge zu sein, wie sich etwas ganz Neues entwickelt. Gass interessierte sich für den Feierabend auf Großbaustellen ebenso wie für die Geschichte des Algerienkriegs oder die Visionen von Nato-Generälen. Seinen auch international erfolgreichsten Film drehte der frühere Panzergrenadier vor Stalingrad 1984: „Das Jahr 1945”. Über zwei Millionen Zuschauer allein in der DDR. Gass berührt auch Flucht und Vertreibung, spricht gar von einer Mitschuld der Kommunisten am Faschismus. Da hätte er einen Film wie „Schaut auf diese Stadt” (1962) – die Rechtfertigung des Mauerbaus – längst nicht mehr gemacht. Schon weil eine Rechtfertigung niemals eine Dokumentation ist.
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