Warum ‚nur’ Filme aus Afrika südlich der Sahara? Zunächst ist es die Beschränkung auf einen Teilausschnitt des schwer zu fassenden gesamten afrikanischen Kinos, das in seinen künstlerischen (und politischen) Ansätzen immer facettenreicher und, was die Produktion anbelangt, immer größer wird.
Außerdem ist das nordafrikanische Kino – vornehmlich durch Arthouse-Produktionen aus Marokko, Algerien, Ägypten und Tunesien – schon stetiger und länger einem breiteren deutschen Publikum bekannt. Filme aus Subsahara-Afrika hingegen tauchen erst wieder seit einigen Jahren vermehrt in den deutschen Kinos auf – und wurden vorher in der Kinoprogrammgestaltung des Filmmuseums Potsdam selten berücksichtigt.
Nicht zuletzt wartet das subsaharische Kino mit spannenden, neuen Entwicklungen auf.
Seit den 1990er Jahren hat sich in Nigeria mit Nollywood (Perspektive 5) eine Filmindustrie herausgebildet, die mit 1.400 Filmen pro Jahr statistisch gesehen die größte der Welt ist. Die Soaps, Komödien, Halleluja-, Action- und Horrorfilme made in Nollywood sind in Potsdam, Brandenburg und ganz Deutschland noch ein weitgehendes Novum und wurden dem Potsdamer Publikum im Oktober 2009 endlich vorgestellt.
2010 blickte die Welt auf Südafrika und Johannesburg, wo vom 11. Juni bis 11. Juli 2010 die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde. Das Johannesburg Spezial (Perspektive 6) schaute vom 27. Mai bis 2. Juni 2010 mit südafrikanischen Filmen aus der Stummfilmära bis heute auf die Megacity. Heute entstehen in Südafrika Filme mit schwarzen Schauspielern, die oft in Johannesburg angesiedelt sind und die – wie auch die Nollywood-Filme – für ein schwarzes Publikum gemacht sind.
Vom Zanzibar International Film Festival (ZIFF) wurden Mitte September 2009 ausgewählte und preisgekrönte Filme gezeigt (Perspektive 4). Die Kooperation mit dem ZIFF bzw. das Festival-Nachspiel, das im Herbst 2010 fortgesetzt wurde, bietet nicht nur Gelegenheit, brandneues Kino aus Subsahara-Afrika nach Potsdam zu bringen. Die Potsdamer können auf diese Weise auch sehen, was ihre potentielle Partnerstadt Zanzibar Town zu bieten hat.
Auch und gerade im Zusammenhang der städtepartnerschaftlichen Initiative war es erhellend danach zu schauen, wie das ehemalige Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda, Burundi) in deutschen (Kolonial)Filmen dargestellt wurde. Kaffee, Kapok und Klischees: Die ehemalige Kolonie Deutsch-Ostafrika im Film (Perspektive 1) lieferte den Einstieg in die Film- und Veranstaltungsreihe und einen Einblick in die Bilder von Afrika und Afrikanern, die man sich im Deutschland der Kolonialzeit bis ins Dritte Reich gemacht hat, und die – wenn auch in abgemilderter Form – zum Teil weiterhin vorhanden sind: das exotische, hedonistische Afrika, Sehnsuchtsland für Abenteurer, Großwildjäger und Kolonisatoren, für die die Einheimischen primitive Wilde sind. Das gängige Afrikabild heute dominieren hingegen oft Negativismen: Kontinent der (humanitären) Katastrophen, der Bürgerkriege, Kindersoldaten, Piraterie, chaotischer politischer Zustände und Flüchtlingsströme. So kennen wir Afrika aus den reduzierenden Darstellungen der Medien.
Daher haben wir uns in der Sommerfilmreihe Afrika über die Filmbilder angenähert, die (sich) schwarzafrikanische FilmemacherInnen von ihren Ländern gemacht haben. Jenseits und Diesseits von Afrika (Perspektiven 2 und 3) setzte hier an und verfolgte gleichzeitig in einer kontrapunktischen Gegenüberstellung, wie sich das Afrikabild des ‚Nordens’ in europäischen und nordamerikanischen Filmen aus der Stummfilmzeit bis heute entwickelt hat.
„Wenn wir Europäer auf den afrikanischen Kontinent blicken, sehen wir nur allzu oft uns selbst. Wir machen uns ein Bild von Afrika, das weniger mit der heutigen Lebenswirklichkeit in den afrikanischen Gesellschaften zu tun hat, als damit, wie wir den Kontinent sehen möchten.”, bemerkte Bundespräsident Horst Köhler im Herbst 2008 im Berliner Haus der Kulturen der Welt.
Die Film- und Veranstaltungsreihe „Subsahara-Afrika im Film – 6 Perspektiven” soll diese verschobene Sichtweise zurecht rücken.
SUBSAHARA Afrika im Film I
Juli 2009
Kaffee, Kapok und Klischees: Die ehemalige Kolonie Deutsch-Ostafrika im Film
In Kooperation mit dem Bundesarchiv-Filmarchiv
Historische Filmdokumente
Deutsch-Ostafrika. Eine große öffentliche Schule der Provinz Usambara, D 1912, 4’
Die Weihe des Kolonial-Krieger-Denkmals in Dresden, D 1913, 3’
Staatssekretär Dr. Solf besucht im Oktober 1913 Togo, D 1913, 9’
Wambus Rettung, D 1926, 5’
Tropentragödie, D ca.1932, 6’
Das koloniale Bilderbuch des Reichskolonialbundes, AU 1938/39, 15’
Kasper bei den Wilden, D 1940 Hohnsteiner Puppenbühne 21’
Besuch bei deutschen Pflanzern in Deutsch-Ost-Afrika, D ca. 1939, 12’
Weißes Gold in Deutsch-Ostafrika, D 1939, 11’
insgesamt 91’
Einführung: Jeanpaul Goergen (Filmhistoriker, CineGraph Babelsberg)
Die von 1885 bis 1919 bestehende Kolonie Deutsch-Ostafrika umfasst heute Tansania, Ruanda und Burundi. Eine Reihe historischer Filmdokumente spiegelt die kolonialen und nach-kolonialen Interessen Deutschlands: Gut funktionierende Schulen sollen 1911/12 eine erfolgreiche Kolonialarbeit belegen. In Deutschland entstehen Kolonialdenkmäler. Die Reise, die Dr. Solf, Staatssekretär im Reichskolonialamt, der deutschen Kolonie Togo im Jahre 1913 abstattet, demonstriert koloniales Machtbewusstsein. Klischee-Vorstellungen über Afrika und die Afrikaner finden sich in den 1920er Jahren in der Kinowerbung. In den 1930er Jahren propagiert der Reichskolonialbund die Rückgewinnung der Kolonien und hebt dabei vor allem auf deren wirtschaftlichen Nutzen ab. Schließlich wird auch Kasperle in die Kolonial-Propaganda eingespannt.
Baga MoyoR: Gabriele Denecke, D 1994, Dok., 54’
Einführung: Jeanpaul Goergen (Filmhistoriker, CineGraph Babelsberg)
In der Dokumentation „Bagamoyo” verfolgt Gunther Becher 1994 die Spuren seiner Großeltern in Tansania und trifft dort auf junge Deutsche, die sich eine neue Existenz aufbauen.
Zum Seminar: Brandenburg, Kolonialismus und Afrikabilder: Eine Kopfjagd
Die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus, insbesondere mit der Kolonialpolitik von Brandenburg/Preußen, sollte Bestandteil einer demokratischen Erinnerungskultur sein.
Bei einem Seminar am 11. Juli ab 10:30 Uhr im Vereinshaus der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft wurde das weithin unbeachtete Kapitel der Verstrickungen des Landes in den transatlantischen Sklavenhandel sowie in koloniale Eroberungen des Deutschen Reichs im 19. Jahrhundert kritisch durchleuchtet. (Seminarprogramm: www.bbag-ev.de).
SUBSAHARA Afrika im Film II + III
Juli + August 2009
Jenseits und Diesseits von Afrika
Dem Blick europäischer und amerikanischer Filme auf Afrika wurde die Innensicht afrikanischer Filmemacher entgegengehalten. Im kontrapunktischen Wechsel präsentierten wir Filme, die Afrika als Krisengebiet oder als Sehnsuchtsort vor exotischer Kulisse darstellen und Beispiele für ein authentisches, unabhängiges afrikanisches Filmschaffen seit den 1970er Jahren.
Filmreihe: Jenseits und Diesseits von Afrika: Jenseits von Afrika / Ouaga Saga / Back to Africa / No Time to Die / Cobra Verde / Wênd Kûuni – Das Geschenk Gottes / Als der Wind den Sand berührte / Xala / Dance for All / TGV Express – Der schnellste Bus nach Conakry / Touki Bouki / Nirgendwo in Afrika
SUBSAHARA Afrika im Film IV
10. bis 13. September 2009
Zanzibar International Film Festival 2009 in Potsdam
Vom 27. Juni bis 4. Juli 2009 fand in der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Stone Town von Sansibar Stadt das 12. Zanzibar International Film Festival (ZIFF) statt. Jährlich lockt das mittlerweile größte kulturelle Event Ostafrikas bis zu 7.000 ausländische Gäste und 120.000 BesucherInnen aus der näheren Umgebung an. Ziel des Festivals ist es, das reiche kulturelle Erbe der Anrainerstaaten des Indischen Ozeans, der sogenannten Dhau-Staaten, und deren zeitgenössische Künstler zu fördern.
Das Filmmuseum präsentierte ausgewählte Preisträger-Filme des diesjährigen ZIFF.
Vor der Podiumsdiskussion am 12.9. zum Thema „Development Films” (mit Hassan Mitawi (Vorstand ZIFF), Musola Catherine Kaseketi (Regisseurin, Lusaka/Sambia), Thorsten Wassermeyer (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ GmbH), Kirsten Maas-Albert (Referentin Afrika, H. Böll Stiftung) Moderation: Dorothee Wenner (Filmemacherin und Afrika-Delegierte der Berlinale) war der „Ousmane Sembène Films For Development Award”-Gewinner zu sehen: „Keiskamma“ von Miki Redelinghuys. Zu Gast waren der Vorstand des Festivals, Hassan Mitawi und die Filmemacherin Musola Catherine Kaseketi mit ihrem Film „Suwi”. Schirmherr des ZIFF-Nachspiels war der Botschafter von Tansania, Ahmada R. Ngemera, der das Festival am 10.9. eröffnete.
In Kooperation mit den Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA) Brandenburg in Trägerschaft des Demokratie und Integration Brandenburg e.V. ergänzten am 10.9. zwei Workshops für Jugendliche das Programm. Gemeinsam mit Vertreterinnen der Frauenfußballmannschaft von Sansibar wurde Florence Ayisis Film Zanzibar Soccer Queens (Tansania/GB 2007) angeschaut und diskutiert. Der Film zeigt, wie Frauen um ihr Recht und ihre Chance kämpfen, wie sie sich solidarisieren und eigene Geschäftsideen entwickeln, um ihr Leben und ihren Sport zu finanzieren. Fußball, ein Entwicklungsfaktor?
Die Frauenfußballmannschaft von Sansibar-Stadt traf auf Turbine Potsdam
Montag, 14.09.2009, 17:30 Uhr
Ort: Waldstadion Ludwigsfelde,
Straße der Jugend 30, 14974 Ludwigsfelde
Am 12.9. wurde im Filmmuseum außerdem die KunstGenussTour (Lange Nacht der Museen und Galerien in Potsdam) mit Ausrichtung auf das ZIFF-Nachspiel gefeiert – mit musikalischen Höhepunkten, afrikanischem Buffet, einem Kaffeeparcours und einer Gewürzstraße!
SUBSAHARA Afrika im Film V
17. Oktober 2009
Nollywood – Nigerianischer Film
Obwohl Nollywood statistisch gesehen die größte Filmindustrie der Welt ist, sind seine Soaps, Komödien, Halleluja-, Action- und Horrorfilme in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Endlich wurden sie dem Potsdamer Publikum vorgestellt.
Seit Anfang der 1990er Jahre schreibt die Geschichte des afrikanischen Kinos in Nigeria eines seiner spannendsten Kapitel. Hier werden im Durchschnitt 1000 bis 1500 Filme pro Jahr hergestellt, während über 200 Millionen Kopien über reale und virtuelle Ladentische, Marktstände in Afrika, Europa, Amerika und dem Rest der Welt zirkulieren. Heute wird diese gigantische Traumfabrik wie selbstverständlich mit dem Begriff Nollywood assoziiert. Bei den ersten großen internationalen Veranstaltungen – wie dem New York African Film Festival 2001 – die sich mit der Videofilmindustrie Nigerias auseinandersetzten, war von dieser Bezeichnung noch nicht die Rede. Seit 2002 ist der Begriff „Nollywood” in aller Munde, was eine Zäsur in der Wahrnehmung des Filmschaffens in Nigeria markiert. Diese zweite Periode geht mit einer allgemeinen Bewusstwerdung vieler Filmemacher einher, dass sie sich ihre autarke Produktionsweise auf Dauer nicht leisten können – mit der Folge, dass eine stärkere internationale Präsenz angestrebt wird.
Wir präsentierten 30 Days (R: Mildred Okwo, Nigeria/USA 2007). Der Filmkurator und Nollywood-Spezialist Julien Enoka-Ayemba führte in das Phänomen Nollywood ein – wie auch der Dokumentarfilm Peace Mission (R: Dorothee Wenner, D 2008).
SUBSAHARA Afrika im Film VI
27. Mai bis 2. Juni 2010
Johannesburg Spezial – Filme aus Südafrika
Filmreihe und Podiumsdiskussion
Über eine Woche widmete sich das Filmmuseum südafrikanischen Filmen aus und über Johannesburg. Südafrika stand – als erstes afrikanisches Gastgeberland – kurz vor dem Beginn der Endrunde der Fußball-WM. Zahlreiche Spiele wurden in Johannesburg ausgetragen – so z.B. Eröffnungs- und Endspiel im Soccer-City-Stadion.
Anhand von südafrikanischen Filmen schauten wir auf die Megacity im Wandel der Jahrzehnte – zumal das Gründungsdatum von Johannesburg als kleine Goldgräbersiedlung nur einige Jahre vor der Erfindung des Kinos liegt. Die Reihe spannte einen Bogen vom nationalistisch-rassistischen Stummfilmepos über Filme aus der Zeit des Apartheidregimes bis zur Rückkehr des südafrikanischen Films in internationale Kinos seit dem Ende der Apartheid.
Am 1. Juni rundete eine Podiumsdiskussion zum Thema „When Black & White turned Colour – Südafrikanisches Kino nach dem Ende der Apartheid” die Film- und Veranstaltungsreihe ab.
Kurz bevor sich die mediale Aufmerksamkeit ganz dem Megaevent Fußball-WM zuneigte und vorübergehend ausschließlich formatierte TV-Bilder die weltweite Wahrnehmung von der Metropole bestimmten, beleuchtete die Reihe, deren historische Filme von dem südafrikanischen Filmemacher und Kinobetreiber eingeführt wurden, die Verbindung zwischen Filmgeschichte(n) und aktuellen gesellschaftlich-politischen Fragestellungen in Südafrika.
Die Filme der Reihe:
Max and Mona R: Teddy Mattera, Südafrika 2004
De Voortrekkers R: Harold M. Shaw, Südafrika/USA 1916
African Jim / Jim Comes to Jo’Burg R: Donald Swanson, Südafrika 1949
Tsotsi R: Gavin Hood, Südafrika 2005
Hillbrow Kids R: Michael Hammon, Jacqueline Görgen, D 1997/98
The Foster Gang R: Percival Rubens, Südafrika 1964
District 9 R: Neill Blomkamp, Südafrika/NZ 2009
Land Apart R: Sven Persson, Südafrika 1974/76
Mapantsula R: Oliver Schmitz, Südafrika/AUS 1988
Come Back, Africa R: Lionel Rogosin, USA 1959
Tsotsi R: Gavin Hood, Südafrika 2005
Filmmakers Against Racism R: Danny Turken, Omelga Mthiyane u.a., Südafrika 2008
Conversations on a Sunday Afternoon R: Khalo Matabane, Südafrika 2005




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